Bewegtes Heim

Nur noch ein paar Tage, dann werde ich meine Heimatstadt verlassen. Die neue Heimstatt ist beinah fertig vorbereitet, doch noch ist kaum ein Karton gepackt. Das macht mir keine Sorgen, ich bin ganz gut darin, so etwas auf den letzten Drücker zu erledigen. Befürchtungen habe ich wegen anderer Sachen.

Echte Furcht? Vielleicht nicht, doch mein Mutterherz schlägt laut auf, wenn ich von meinem dunkelhäutigen Kind höre, er befürchte, die neuen Klassenkameraden könnten ihn ablehnen, weil er schwarz ist. (Nein, mein 8-jähriger ist nicht interessiert an dem, was Mädchen über ihn denken könnten.) Natürlich machen sich viele Kinder Sorgen, sie  würden abgelehnt, wenn sie den gewohnten Bezugsrahmen wechseln. Mein Schmerz bezieht sich auf den Umstand, das sich die zunächst ungerichtete Angst des Kindes vor dem Unbekannten an seiner Hautfarbe sammelt. Mein Kind lebt nicht in einer Welt der Rassentrennung. Sowohl ich als auch sein Vater sind Schwarze in Deutschland, meine Freunde sind überwiegend Weisse, die seines Vaters großenteils schwarz.

In seiner jetzigen Schule ist der Anteil der Nicht-Weissen Kinder äusserst gering, gefühlt 5%. Er wirkt sowohl im Umgang mit Weissen als auch mit Schwarzen unbefangen. Ich habe ihn zugegebenermaßen auch wegen des geringen Anteils an Kindern mit migrantischem Hintergrund auf der Schule angemeldet.  Ist das rassistisch? Ich denke schon. Ich bin nicht stolz darauf. Aber ich habe diese Entscheidung bewusst gefällt: In dieser Stadt, die seit Schliessung der Zechen durch hohe Arbeitslosigkeit geprägt ist, ist durch die gescheiterte Integration der seit den 60er Jahren eingeladenen Migranten (Nein, Frauen wurden nicht eingeladen.) eine starke Trennung zwischen Weissen und als zugezogene, andersartige, fremde Wahrgenommene etabliert. Die Ghettoisierung der Stadt ist stark ausgeprägt, die Mechanismen der Ausgegrenzten, sich zu ethnisch homogenen Gruppen zusammenzuschließen ein seit Jahren (Jahrzehnten?) beobachteter Standard. Ich hatte gehofft, dem bei meinem Kind entgegenwirken zu können.

Nach eigener Aussage wurde er in der Schule genau einmal mit dem N*-Wort beschimpft und hat das der Lehrerin gemeldet. Den Eltern des rassistisch handelnden Kind wurde nahegelegt, das Kind zu maßregeln. Es hat sich nicht bei meinem Kind entschuldigt, das Schimpfwort aber auch nicht wiederholt. Ich finde das gut, denn ein Kind, das noch nicht reflektiert, zu einer Entschuldigung zu zwingen fördert durch Demütigung nur Ressentiments der anderen Partei gegenüber.

Mein Kind spielt sowohl mit Kindern deutscher Herkunft als auch mit denen nicht-deutscher Abstammung. In den letzten Monaten aber hat sich die Gestaltung der Pausen entwickelt zu einem Zusammenschluss der 4 Jungen mit dunklerer Haut, die augenscheinlich (nicht jedoch tatsächlich) migrantischem Hintergrund entstammen. Dies war nun die Rabaukentruppe, die auffälligen Jungen der Klasse. Warum ist das geschehen? Diese 4 Jungen sprechen perfekt Deutsch, sind durch deutsche Kultur geprägt, es gibt messbar grössere Unterschiede unter den weissen Kindern im Hinblick auf Tagesgestaltung, Alltagsrituale, Religiösität, etc. als zu den 4en, die nun hier eine Pausenhofgang bilden. Welche Gemeinsamkeiten erleben diese Jungen aneinander, welche werden auf sie projiziert?

Ich hoffe auf eine weniger separatistische Zukunft am neuen Heimatort.

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