In mich Afrika zu lesen macht mich zum Mangelmenschen.

Deutsche, die mich andern indem sie behaupten, sie könnten aufgrund meiner Erscheinung unterstellen, ich seie fremd, ich hätte Wurzeln in etwas ausserhalb Deutschlands sehen sich selbst als homogene Gruppe. Da kann ich noch so viel argumentieren. Und das in Deutschland angewandte Abstammungsprinzip gibt ihnen da Recht.
Vor ein paar Jahren tauchte der Begriff „Bio-Deutsche“ auf. Wieder ein Versuch, ein „Anders“ herzustellen. Ein Versuch, den Begriff „Migrationshintergrund“ zu umgehen. Das ist Unfug für mich. Wieder ein Versuch, zu unterscheiden zwischen Menschen, die nicht so aussehen, wie es dem ArierNormblatt entspricht und Menschen wie mir: Schwarzen Deutschen. Menschen wie ich, die im rassistischen System bestimmte Privilegien nicht haben. Denn ich bin dem Abstammungsprinzip nach Deutsche. Dennoch bedarf es regelmässigen Kämpfen mit Schulleiter_innen und Kindergartenleiter_innen klar zu stellen, das meine Kinder keiner Integrationsleistung bedürfen.
Auch wenn ich Vorfahren in Litauen habe, ist mir Litauen fremd. Zum Glück begegne ich nicht dauernd Menschen, die mir sagen, „Wenn Du nichts über Litauen und seine Knechtschaft unter der UDSSR weisst, dann leugnest Du einen Teil von Dir.“
Afrika ist etwas, das in erster Linie in mich hinein gelesen wird. Aufgrund meines Aussehens. Ich aber habe keine „fremden Wurzeln“. Das ich mich für afrikanische Geschichte interessiere hat damit zu tun, dass afrikanische Geschichte permanent falsch dargestellt wird. Damit werden mir Attribute eingeschrieben, die ich so nicht stehen lassen will. 2 Ebenen also: a) ich werde geandert als „Du gehörst (ein Teil von Dir gehört) zu Afrika“. b) Afrika ist so und so. Ich widerspreche beiden, unabhängig von einander.

klar interessiert mich Schwarze Deutsche Geschichte. Und klar interessiert mich Schwarze afrikanische Geschichte. Dank, soweit ich weiss, afroamerikanischer Bemühungen gibt es inzwischen auch so einiges. Leider bislang wohl in Englisch. Ich will die breite Palette: von Malbüchern über Kinderbücher über Mangas und Animes bis hin zu Schulbüchern und Nachschlagewerken alles zu Schwarzer Geschichte weltweit.
Ich will die Schwarzen König_innen so gut kennen(lernen), wie ich Drosselbart kenne und den Froschkönig.

Schwarze Geschichte ist also kein Problem, das bedeutet aber noch lange nicht, das es da einen inneren Bezug gäbe. Oder ein Zugehörigkeitsgefühl. Ich liebe weder irgendein Land noch bin ich stolz auf irgendein Land noch liebe ich irgendwelche Objekte. Elefanten sind mir nicht näher als Wale. Mir ist irgendetwas aus Kenia nicht näher als CocaCola oder Popcorn.

Es geht nicht darum, nicht zu wissen, aus welchem Land ein Familienangehöriger kommt, sondern darum, das kein Bezug zu dem Land besteht, wenn das nicht über ein persönliches kennen eines Menschen geschieht.
Natürlich kann ich mir viel Wissen aneignen, über jedes Land auf der Welt, aber Wissen ist noch kein Bezug.
Und ein nicht Wissen einen „fehlenden Teil“ der Identität zu nennen finde ich echt hart. Das würde bedeuten, ich hätte eine unvollständige Identität, als wäre ich ein Mensch mit einer Lücke.
Wenn ich sage, ich habe keine anderen Einflüsse, dann ist das erst mal eine Beschreibung der äusseren Umstände. Das heisst nicht, das ich keine haben möchte, dass heisst nur, dass nichts, das nicht deutsch ist, mich beeinflusst hat.
Das ist nicht unehrlich.
Es ist echt schade, dass es so schwierig scheint, das zu verstehen oder zu akzeptieren. Ich sage, ich habe da nichts und das ist noch kein Mangel. In mir läutet nichts, wenn ich Kenia sage, und auch nichts, wenn ich Schweden oder Ghana oder China oder Liberia sage.
Ich wurde nicht be-ein-druckt durch etwas anderes als meine deutschen Bezüge.
Ich möchte das nicht vorgeworfen bekommen. Und ich möchte auch nicht, das ich dadurch als jemand definiert werde, der das entschieden hat. Und ich möchte auch nicht, das mir ein minus, ein Mangel unterstellt wird.

Wenn mir jemand sagt:“Da muss doch noch etwas sein“, dann bezieht er das auf meinen leiblichen Vater. Weil er mir anzusehen ist. Wäre er weiss gewesen, dann hätte ich keine derartige Zuschreibung erfahren. Dann hätte niemand gesagt, Du musst Deutsch + sein. Wenn ich das dann dieses + nicht fülle, dann wird da ein Mangel unterstellt.

Ich bin Deutsch, da ich aber keine familiären Kontakte zu meinen Vorfahren aus der Heimat meines Vaters habe nicht deutsch + (etwas) bin. Daher habe ich (noch) keine „Vorfahren, die in mir und durch mich weiterleben“. Daher kann ich mich nicht darüber definieren. Es ist schmerzhaft, darauf verwiesen zu werden. Damit wird mir ein Mangel unterstellt. Mir wird aber kein Mangel an Identität zu meinen Litauischen Vorfahren suggeriert. Wenn an mich, weil ich Schwarz bin, Maßstäbe angelegt werden, die für andere Deutsche nicht gelten, dann wird mir etwas schlecht. Die Verletzung entsteht, wenn meine Sicht meines Ich-seins nicht OK genug ist. Wenn ich keine Chance habe, gehört zu werden. Wäre cool, wenn meine Identifikation mit Deutschland ohne Afrika nicht in Frage gestellt würde.

Da schliesst sich an, weshalb ich meine weissgelesene Tochter als Schwarze Deutsche bezeichne: Sie wird geandert. Ihr wird unterstellt, sie seie nicht originär zugehörig. Dieses Erleben eint sie mit uns. Rassismuserfahrung ist auch hier der gemeinsame Nenner. Das ist etwas, das sie – weissgelesen – erlebt, eine weisse Mutter Schwarzer Kinder aber nicht. Der weissen deutschen Frau wird vielleicht unterstellt, sie habe eine unangemessene Entscheidung getroffen, nicht aber, sie würde nicht zum (imaginären, homogenen, weissen) Kollektiv gehören. Die weisse Mutter verliert nicht ihre weissen Privilegien,
(hier nur ein ganz paar:
– kann mit vollem Mund reden (sich von kulturellen inländischen Verhaltensnormen abweichend verhalten) ohne dass Menschen das auf die Hautfarbe/ auf das übliche Verhalten von Menschen ihrer Herkunft zurückführen.
-kann fluchen, Kleidung aus zweiter Hand anziehen, Briefe nicht beantworten, ohne dass Menschen diese Entscheidungen auf die schlechte Moral, die Armut oder die Analphabetenrate Menschen ihrer Herkunft zurückführen. – kann in einer schwierigen Situation gut abschneiden, ohne eine Ehre für meines Phänotyp genannt zu werden.
– wird nie gebeten, für alle Menschen des eigenen Phänotyps zu sprechen.
– kann Sprachen und Gebräuche der People of Color unbeachtet lassen, ohne in ihrer Kultur eine Strafe für solche Vergessenheit zu spüren.)
(Peggy McIntosh)
Diese Privilegien hat meine Tochter spätestens dann nicht, wenn klar wird, dass ich ihre Mutter bin. Andere hat sie. Sie kann sicher sein, Menschen ihres Hauttyps in Medien differenziert dargestellt zu sehen. etc.
Diese Aussage ist erst mal unabhängig davon, wie wir dann damit umgehen. Völlig egal, ob wir sagen, ich rede aber doch mit vollem Mund, betreibe Haarpflege öffentlich oder was auch immer, für uns ist es eine Entscheidung, dies zu tun, OBWOHL wir WISSEN, das wir kategorisiert werden. Wenn wir öffentlich laut sind, wenn wir öffentlich aggressiv sind, etc. wissen wir immer darum, das neben dem, dass wir uns Räume erobern, wir daran auch als „die“ gemessen werden. Es ist eben auch ein erobern von Räumen. Das bräuchten wir nicht, wenn wir nicht geandert würden. Ich zitiere Jemanden: „dem gemeinsamen Kampf eine Basis geben, die es dem Rassismus nicht mehr erlaubt, die Rassismusbetroffenen voneinander zu trennen.“ Meine Tochter ist Rassismusbetroffene. Strukturell und konkret persönlich. Das ist die weisse Mutter nicht.

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